Cannabis als Medizin: Realität versus BAG-Statistik
Offizielle Zahlen weit unter der Realität
Kürzlich stellte die SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser dem Bundesrat die Frage, wie viele Menschen in der Schweiz derzeit Cannabis medizinisch verwenden. Die Antwort war ernüchternd: Laut Bundesrat seien es rund 1200 Patientinnen und Patienten.
Diese Zahl sorgte bei Betroffenen, Apotheken und in der Industrie für grosse Verwunderung – denn sie steht in keinerlei Verhältnis zur Realität. Fachpersonen und Produzenten berichten übereinstimmend von steigenden Verschreibungen und zunehmenden Umsätzen, die das wachsende Interesse an dieser Therapieform eindeutig belegen.
Auch bei MEDCAN zeigt sich dieser Trend deutlich: Wir erhalten mehr als fünf neue Anfragen pro Woche – Tendenz steigend. Unsere Aufklärungsarbeit hat stark zugenommen. Vor allem in der französischen Schweiz ist es nach wie vor schwierig, medizinische Fachpersonen zu finden, die bereit sind, bei einer Cannabistherapie zu unterstützen – eine Lücke, die unser Verein zu schliessen versucht.
Ein fehlerhaftes Erfassungssystem
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stützt seine Schätzung auf die MeCanna-Datenbank, die geschaffen wurde, um die medizinische Anwendung von Cannabis statistisch zu erfassen.
In der Praxis funktioniert dieses System jedoch kaum:
- Viele Ärztinnen und Ärzte tragen ihre Fälle gar nicht ein, obwohl sie dazu verpflichtet wären. Der Grund: Der Aufwand beträgt rund 15 Minuten pro Fall – ohne Vergütung.
- Dadurch erscheint nur ein Bruchteil der realen Verschreibungen in der Statistik.
- Oft werden nur unvollständige oder negative Verläufe erfasst, was das Bild weiter verzerrt.
Selbst Vertreter des BAG haben bestätigt, dass die Daten lückenhaft sind. Trotzdem orientiert sich die Politik weiterhin ausschliesslich an diesen unvollständigen Zahlen.
Irgendwie kann man den medizinischen Fachpersonen auch keinen Vorwurf machen, da die ganze Arbeit an ihnen hängen bleibt. Aber wenn Sie in Behandlung sind, fordern Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt auf, diese Datenbank auszufüllen – denn nur so entsteht ein realistisches Bild.
Kritik aus der Praxis
Unternehmen, Apotheken und medizinische Fachpersonen, die täglich mit Cannabis in der Medizin arbeiten, kritisieren die offiziellen Zahlen deutlich. Das Interesse an der Therapie steigt spürbar, und auch immer mehr Ärztinnen und Ärzte wenden sich an MEDCAN, um zu erfahren, wie sie Cannabis verschreiben können.
Die Einführung dieser Gesetzesänderung war einfach ungenügend vorbereitet: Viele Fachpersonen und kranke Menschen wissen bis heute nicht, dass Cannabis überhaupt legal verschrieben werden kann. Und nur rund 10 % der Behandlungen werden aktuell von Krankenkassen oder Unfallversicherungen übernommen – für die meisten ist die Therapie finanziell nicht machbar, obwohl sie helfen würde.
Wir erhalten wöchentlich E-Mails von Menschen, die fragen, wie sie Unterstützung bekommen können, da Ihnen die Therapie hilft.
Das BAG selbst schätzte bereits vor der Einführung der Gesetzesänderung zum Betäubungsmittelgesetz, dass es in der Schweiz über 100'000 Patientinnen und Patienten gibt, die Cannabis medizinisch anwenden. Es gibt also eine grosse Gruppe von Menschen, die von einer legalen Cannabistherapie profitieren würde.
Sorge um die Zukunft der Patientinnen
Besorgniserregend ist, dass Vertreter des BAG bei einer Veranstaltung zur Legalisierung offen sagten, die Cannabismedizin könne «dem Ende entgegengehen» – gestützt auf die angeblich sinkenden Zahlen aus der MeCanna-Datenbank. Solche Aussagen zeigen, wie stark politische Entscheidungen von fehlerhaften Statistiken beeinflusst werden können.
Dabei erleben Betroffene täglich, wie Cannabis ihre Lebensqualität verbessert – etwa bei chronischen Schmerzen, neurologischen Erkrankungen, Schlafstörungen oder Angstzuständen. Für sie ist Cannabis kein Lifestyle-Produkt, sondern ein Medikament, das hilft, zu schlafen, zu essen und am Leben teilzunehmen.
Wir fordern, dass der medizinische Weg erhalten bleibt und Krankenkassen endlich Verantwortung übernehmen. Cannabis kann das Gesundheitssystem nachweislich entlasten – durch weniger Schmerzmittel, weniger Spitalaufenthalte, weniger Pflegebedarf und mehr Lebensqualität Wir haben sogar Mitglieder, die dank der Behandlung wieder arbeitsfähig geworden sind.
Blick nach Deutschland: Ein warnendes Beispiel
Die Entwicklung in Deutschland zeigt, wie fragil der Zugang zur medizinischen Cannabismedizin bleiben kann. Nach der Gesetzesänderung von 2017, die zunächst als grosser Fortschritt galt, wird das System derzeit Schritt für Schritt zurückgebaut: Cannabisblüten dürfen nicht mehr per Post verschickt werden, viele medizinische Fachpersonen haben Angst vor Repressionen, und Patientinnen verlieren ihre Versorgung.
Dabei zeigen die Daten der Teillegalisierung: Der Konsum unter Jugendlichen ist gesunken, und auch die Cannabis-bedingte Kriminalität hat abgenommen. Trotzdem wird das Gesetz verschärft – auf Kosten derjenigen, die Cannabis als Medizin brauchen.
Appell an Politik und Gesellschaft
In der Schweiz ist der Zugang zu medizinischem Cannabis noch immer kompliziert und ungerecht, aber unser Gesetz ist gut und könnte vielen Menschen helfen. Vor allem wenn nicht so viele Betroffene ihre Behandlung selber bezahlen müssten. Und leider sind auch die medizinischen Fachpersonen immer noch nicht genügend informiert.
«Für uns ist Cannabis kein Wellnessprodukt», betont Franziska Quadri, Präsidentin von MEDCAN. «Für viele Kranke ist es das einzige Medikament, das ihnen hilft, Schmerzen zu lindern, zu schlafen, zu essen und am Leben teilzunehmen. Es darf nicht sein, dass sie dafür kämpfen müssen.»
Fazit und Aufruf
Die offiziellen Zahlen zur medizinischen Anwendung von Cannabis in der Schweiz stehen in klarem Widerspruch zur Realität. Patientinnen, Apotheken und Ärztinnen erleben täglich das Gegenteil: eine wachsende Nachfrage, steigende Verschreibungen und grosse Hoffnung.
Damit politische Entscheidungen auf einer soliden Basis beruhen, braucht es Transparenz, korrekte Daten und eine klare Trennung zwischen medizinischer Anwendung und Freizeitkonsum.
Jetzt ist es an der Zeit, unsere Geschichten noch lauter zu erzählen. Wir werden unsere Erfahrungen sammeln, auswerten und in eine Form bringen, die wir der Politik präsentieren können. MEDCAN ist überzeugt, dass Cannabis in der Medizin Kosten im Gesundheitswesen senken kann – durch weniger Medikamente, weniger Pflege und weniger Spitalaufenthalte. Und das wäre dringend nötig. Steigen doch unsere Gesundheitskosten immer noch jedes Jahr.
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