Offener Brief an das Schweizer Paraplegiker-Zentrum: Mehr Offenheit gegenüber medizinischem Cannabis
Ein Appell für mehr Offenheit gegenüber Cannabis bei Querschnittlähmung
Sehr geehrtes SPZ-Team
Seit vielen Jahren begleite ich als Präsidentin von MEDCAN Menschen, die Cannabis medizinisch einsetzen. Gleichzeitig bin ich selbst Tetraplegikerin und auf diese Behandlung angewiesen.
Deswegen wünsche ich mir, dass sich das Schweizer Paraplegiker-Zentrum diesem Thema endlich ernsthaft annimmt. Immer wieder berichten mir querschnittgelähmte Menschen, dass sie trotz ihrer Beschwerden oft nicht ernst genommen oder bei ihrem Wunsch, Cannabis medizinisch anzuwenden, nicht unterstützt werden. Als international führendes Kompetenzzentrum könnten Sie hier für unzählige Betroffene einen entscheidenden Unterschied machen.
Ich selber bin überhaupt erst im SPZ auf die Idee gekommen, Cannabis medizinisch einzusetzen. Dort habe ich andere Querschnittgelähmte kennengelernt, die mir erzählt haben, wie sehr ihnen Cannabis hilft. Damals hatte ich bereits nahezu alle schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft – ohne den gewünschten Erfolg. Das Einzige, was mir wirklich geholfen hat, war Cannabis. Deswegen kämpfe ich bis heute dafür, dass diese Pflanze medizinisch genutzt wird.
Ich gehöre immer noch zu den wenigen Menschen in der Schweiz, die ein ärztliches Rezept erhalten und deren Behandlung von der Unfallversicherung übernommen wird. Das hat mein Leben grundlegend verändert. Ich habe wieder deutlich mehr Lebensqualität, schlafe besser, brauche wesentlich weniger andere Schmerzmittel und meine Gesundheit hat sich in den letzten Jahren spürbar verbessert.
Für mich ist Cannabis keine letzte Option und keine Lifestyle-Droge. Es ist ein Medikament, das Entzündungen hemmen, Schmerzen lindern, Spastik reduzieren und den Schlaf verbessern kann. Gerade bei Querschnittlähmungen mit neuropathischen Schmerzen und Spastik gehört es meiner Erfahrung nach zu den wirksamsten Medikamenten – bei vergleichsweise moderaten Nebenwirkungen.
Ein weiterer Punkt, der viele Betroffene verunsichert, ist das Autofahren. Auch hier wünsche ich mir eine differenzierte Betrachtung. Bei vielen anderen Medikamenten, die das Reaktionsvermögen beeinflussen können, wird die Fahrtauglichkeit individuell durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte beurteilt. Warum sollte das bei einer gut eingestellten Cannabistherapie grundsätzlich anders sein? Das SPZ könnte hier mit seiner Erfahrung und Fachkompetenz einen wichtigen Beitrag leisten, Betroffene zu begleiten und ihnen Sicherheit zu geben.
Bei MEDCAN erreichen uns regelmässig Nachrichten von Menschen im Rollstuhl, die verzweifelt nach Hilfe suchen, wenn sie Cannabis medizinisch anwenden möchten. Ich erhalte sogar Nachrichten von Betroffenen aus den USA, die kaum verstehen können, weshalb die Schweiz in diesem Bereich noch immer so zurückhaltend ist – und weshalb ausgerechnet das renommierte SPZ dieses Potenzial so wenig nutzt.
Seit dem 1. August 2022 kann Cannabis wie andere Betäubungsmittel verschrieben werden. Trotzdem wird diese Möglichkeit bis heute nur selten genutzt. Dabei könnte sie gerade für viele Menschen mit einer Querschnittlähmung ein enormes Stück Lebensqualität zurückbringen.
Vor Kurzem habe ich einen persönlichen Rückblick über vier Jahre Cannabisverschreibung veröffentlicht. Darin beschreibe ich, wie sich mein Leben durch diese Behandlung verändert hat und weshalb ich überzeugt bin, dass sie vielen weiteren Menschen helfen könnte.
Als Verein sind wir jederzeit bereit, unsere Erfahrungen einzubringen und unser Wissen zu teilen. Gemeinsam könnten wir dazu beitragen, das Leiden vieler Menschen zu lindern.
Freundliche Grüsse
Franziska Quadri
Präsidentin, Medical Cannabis Verein Schweiz
und selber Cannabis-Patientin