Vier Jahre Cannabisverschreibung – ein Rückblick als Patientin
Endlich eine sichere und legale Versorgung
Für mich ist heute alles anders. Mein Hausarzt stellt mir ein Rezept aus. Ich bekomme monatlich 120 Gramm Cannabisblüten verschrieben, die mir eine spezialisierte Apotheke nach Hause schickt. Ich kann verschiedene Sorten ausprobieren und herausfinden, welche mir am besten helfen. Meine Unfallversicherung übernimmt die Kosten.
Das hat mir unglaublich viel Angst und Stress genommen. Dafür bin ich unendlich dankbar, denn ich weiss noch genau, wie es vorher war.
Früher bin ich immer wieder mitten in der Nacht schweissgebadet aufgewacht und wusste nicht, woher ich meine nächsten Cannabisblüten bekommen sollte. Ich lebte permanent mit der Sorge, nicht genügend Medizin gegen meine starken Schmerzen und meine Spastik zu haben.
Heute habe ich endlich eine zuverlässige, ärztlich begleitete und legale Versorgung. Das wirkt sich auf meine Gesundheit aus – besonders auf meine psychische Verfassung. Mein Beispiel zeigt: Das Gesetz funktioniert. Die Kosten sind für meine Unfallversicherung tragbar, und meine Lebensqualität hat sich massiv verbessert. Gleichzeitig brauche ich heute weniger andere Medikamente und weniger ärztliche Unterstützung als früher.
Aber ich bin noch immer eine Ausnahme
Ich gehöre zu den wenigen Menschen in der Schweiz, die diese Möglichkeit haben. Viele Betroffene finden bis heute niemanden, der bereit ist, ihnen Cannabis zu verschreiben, und die Krankenkassen übernehmen die Behandlung weiterhin nur in Ausnahmefällen. Das ist unverständlich. Denn die Geschichten unserer Mitglieder zeigen, wie sehr Cannabis Menschen helfen kann, trotz Krankheit und Schmerzen weiterzuleben. Und das ist manchmal alles andere als einfach.
Für einige ist Cannabis das einzige Mittel, das wenigstens ein wenig hilft – gegen starke Schmerzen, Spastik, Ängste, innere Unruhe, Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten. Manche können dadurch wieder am Familienleben teilnehmen, ihren Alltag besser bewältigen, trotz ihrer Krankheit arbeiten oder überhaupt wieder Hoffnung schöpfen.
Und doch werden kranke Menschen immer noch stigmatisert
Bis heute glaubt man uns häufig nicht und setzt uns mit Freizeitkonsumierenden gleich. Dabei erlebe ich die Menschen in unserem Verein ganz anders: Sie sind verantwortungsbewusst und wollen sich nicht damit abfinden, den Rest ihres Lebens unter starken Schmerzen zu leiden. Deshalb suchen sie nach wirksamen Alternativen zu Opiaten und anderen Medikamenten.
Diese Menschen setzen sich intensiv mit ihrer Gesundheit auseinander. Sie suchen eine Therapie, die ihnen Lebensqualität zurückgibt und ihnen ermöglicht, wieder aktiv am Leben teilzunehmen. Viele finden genau das im medizinischen Cannabis – oft mit weniger belastenden Nebenwirkungen als bei anderen Medikamenten.
Trotzdem müssen sie sich immer wieder rechtfertigen. Krankenkassen und Unfallversicherungen lehnen eine Kostenübernahme häufig ab oder ignorieren die positiven Behandlungserfolge, obwohl sich der Gesundheitszustand vieler Betroffener nachweislich verbessert hat. Das empfinden viele Patientinnen und Patienten als ungerecht und zermürbend.
Auch viele medizinische Fachpersonen verfügen noch immer über zu wenig Wissen zur medizinischen Anwendung von Cannabis. Zum Glück gibt es heute spezialisierte Apotheken, engagierte Ärztinnen und Ärzte sowie verschiedene Telemedizin-Plattformen. Dadurch können wir Betroffene heute gezielter an kompetente Anlaufstellen verweisen.
Ohne Kostenübernahme bleibt die Therapie unerreichbar
Cannabisblüten oder Extrakte aus der Apotheke kosten schnell mehrere Hundert Franken pro Monat. Viele chronisch kranke Menschen können sich das schlicht nicht leisten. Dadurch werden sie zurück auf den Schwarzmarkt gedrängt. Das ist widersprüchlich und unfair.
Wenn Patientinnen und Patienten dank Cannabis weniger andere Medikamente benötigen, seltener ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und ihre Lebensqualität verbessern, können langfristig auch Gesundheitskosten gesenkt werden. Diese Zusammenhänge werden bei den Entscheidungen der Krankenkassen und Unfallversicherungen noch immer viel zu wenig berücksichtigt.
Cannabismedizin sollte deshalb nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als Chance für unser Gesundheitssystem. Eine wirksame Therapie kann dazu beitragen, Folgekosten zu reduzieren, die Gesundheit langfristig zu stabilisieren und Menschen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Davon profitieren nicht nur die Betroffenen, sondern das gesamte Gesundheitssystem – und letztlich unsere ganze Gesellschaft.
Immer wieder hören wir pauschal, es gebe nicht genügend wissenschaftliche Evidenz. So einfach ist es jedoch nicht. Natürlich brauchen wir weitere Forschung und grössere Studien. Doch es gibt bereits wissenschaftliche Erkenntnisse – und unzählige dokumentierte Erfahrungen von Betroffenen. Warum werden diese Erfahrungen noch immer so häufig ignoriert? Seit mehr als zehn Jahren erzählen die Mitglieder von MEDCAN ihre Geschichten.
Erfahrungswissen ersetzt die Forschung nicht. Es darf aber auch nicht so behandelt werden, als wäre es wertlos. Medizinische Fachpersonen tragen die Verantwortung, den Betroffenen zuzuhören, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich weiterzubilden.
Wie unsicher die Situation bleibt, sehen wir gerade in Deutschland
2017 wurde dort ein wichtiger Fortschritt erzielt: Schwer kranke Menschen konnten Cannabisblüten, Extrakte und cannabisbasierte Arzneimittel verschrieben bekommen. Unter bestimmten Voraussetzungen übernahmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Nun soll diese Versorgung massiv eingeschränkt werden. Der aktuelle Gesetzentwurf sieht vor, Cannabisblüten aus dem Leistungsanspruch der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen. Standardisierte Cannabisextrakte und Fertigarzneimittel sollen weiterhin übernommen werden.
Für mich ist das ein Rückschritt. Es ist wissenschaftlich, medizinisch und gesundheitspolitisch kaum nachvollziehbar. In der Begründung des Gesetzentwurfs werden Fertigarzneimittel grundsätzlich gegenüber Cannabisblüten bevorzugt. Dabei stehen nur sehr wenige THC-haltige Fertigarzneimittel zur Verfügung.
Angesichts des zeitlichen Ablaufs, der wirtschaftlichen Interessen und der offenen Fragen zu politischen Spenden entsteht ein problematischer Eindruck. Bei Entscheidungen, die schwer kranken Menschen eine wirksame Therapie nehmen könnten, muss transparent nachvollziehbar sein, welche Interessen und fachlichen Grundlagen dabei eine Rolle gespielt haben. Am Ende wird diese Entscheidung vermutlich keinen einzigen Euro einsparen, aber vielen Menschen grosses Leid bringen.
Cannabismedizin darf keine Einheitstherapie werden
Menschen mit neuropathischen Schmerzen, Spastik, Krebs, Migräne, Übelkeit, Ängsten oder Schlafproblemen benötigen nicht alle dasselbe Medikament. Cannabismedizin funktioniert gerade deshalb, weil unterschiedliche Sorten, Wirkstoffverhältnisse, Dosierungen und Einnahmeformen zur Verfügung stehen. Was einem Menschen hilft, kann bei einem anderen wirkungslos sein oder unangenehme Nebenwirkungen verursachen.
Diese Vielfalt ist kein Luxus. Sie ist der Kern einer erfolgreichen und verantwortungsvollen Cannabistherapie.
Hinzu kommt, dass für gesetzlich Versicherte in Deutschland die inhalative Anwendung von Cannabisblüten praktisch aus der Erstattung verschwinden würde. Gerade bei akuten Schmerzspitzen kann eine Inhalation jedoch wichtig sein, weil ihre Wirkung sehr schnell einsetzt. Eine orale Einnahme wirkt viel langsamer und ist deshalb keine gleichwertige Alternative.
Wenn Patientinnen und Patienten eine Therapie verlieren, die zu ihrer Erkrankung passt und ihnen nachweislich hilft, nimmt man ihnen wertvolle Lebenszeit. Das ist keine moderne Cannabismedizin, sondern eine politisch verordnete Einschränkung der individuellen Behandlungsmöglichkeiten.
Für die Betroffenen ist diese Entscheidung der absolute Super-GAU: Manche könnten ein Medikament verlieren, das ihnen seit fast zehn Jahren hilft und für das sie jahrelang kämpfen mussten. Eine Politik, die so mit kranken Menschen umgeht, ist verantwortungslos.
Auch in der Schweiz bleibt die Versorgung unsicher
Was in Deutschland geplant ist, macht mir auch für die Schweiz Angst. Es zeigt, wie schnell Patientinnen und Patienten eine mühsam erkämpfte Therapie durch einen politischen Entscheid wieder verlieren können.
Auch hier erhalte ich herzzerreissende Nachrichten von Menschen, die sich erfolgreich mit Cannabis behandeln und dadurch wieder etwas ins Leben zurückfinden. Dann kommt plötzlich die Mitteilung, dass die Kosten nicht mehr übernommen werden. Das ist mehr als ein Schlag ins Gesicht. Es ist unmenschlich. Diese Menschen sind total verzweifelt.
Oft wirken diese Entscheidungen willkürlich. Eine Person erhält eine Kostenübernahme, eine andere mit vergleichbaren Beschwerden nicht. Eine nachvollziehbare medizinische Logik ist kaum erkennbar. Für die Betroffenen fühlt sich das wie Schikane an.
Wenn eine Ärztin oder ein Arzt Cannabis auf einem Betäubungsmittelrezept verschreibt, das Arzneimittel legal in einer Apotheke bezogen wird und nachweislich hilft – weshalb muss dann noch immer so verzweifelt um eine Kostenübernahme gekämpft werden? Sollten die Krankenkassen nicht im Sinne der Gesundheit ihrer Versicherten entscheiden?
Wir sind noch lange nicht am Ziel
Vier Jahre nach der Gesetzesänderung in der Schweiz muss ich deshalb sagen: Wir haben einen wichtigen Schritt gemacht, aber wir sind noch lange nicht am Ziel.
Noch immer entscheiden Menschen über uns, die wenig über Cannabismedizin wissen. Noch immer werden politische und wirtschaftliche Interessen höher gewichtet als die Erfahrungen und Bedürfnisse der Betroffenen. Und noch immer bleiben viel zu viele mit ihren Schmerzen, ihrer Angst und ihren Rechnungen allein zurück.
Darum sage ich es ganz laut und deutlich:
Alle, die im Gesundheitssystem tätig sind, sollten sich in diesem Bereich endlich weiterbilden. Hört den kranken Menschen zu und nehmt ihre Erfahrungen mit medizinischem Cannabis ernst. Das gilt auch für die Krankenkassen und Unfallversicherungen: Wenn Versicherte nachweisen können, dass ihnen Cannabis hilft, dann hört auf, ihre Behandlung immer wieder infrage zu stellen. Cannabis ist heute eine legale medizinische Behandlungsoption – nutzt diese Möglichkeit endlich!
Cannabis ist kein Wundermittel und hilft nicht allen. Doch für viele Menschen kann es ein Segen sein. Als Medikament mit vergleichsweise moderaten Nebenwirkungen kann es das Leben mit schweren Krankheiten, Schmerzen und Einschränkungen erheblich erleichtern.
Ich bin selbst der Beweis dafür, dass eine gut begleitete Cannabistherapie ein Leben grundlegend verändern kann. Was früher von Angst und dem ständigen Kampf um die Versorgung geprägt war, ist heute einer Stabilität gewichen, die mir wieder Lebensqualität und Zukunftsperspektiven gibt. Heute kann ich sogar mit meinem Medikament innerhalb Europas verreisen.
Genau diese Sicherheit wünsche ich allen Menschen, denen Cannabis medizinisch helfen kann. Eine funktionierende Versorgung darf kein Glücksfall sein – sie muss allen offenstehen, die sie benötigen.
Wir brauchen eine Cannabismedizin, die wirksam, bezahlbar und menschlich ist. Und vor allem brauchen wir eines: Dass man den Menschen, die Cannabis medizinisch einsetzen, endlich glaubt.