Christian
«Es ist absurd, dass mir genau das Medikament verwehrt wird, das mir hilft.»
Als er zwölf Jahre alt ist, wird bei Christian eine Stirnhöhlenerkrankung diagnostiziert: Die Schleimhaut seiner Nasennebenhöhlen ist entzündet und übersät mit Tumoren. Die entartete Zellen wachsen dabei unkontrolliert, breiten sich aus und zerstören das Gewebe. «Krebs», fasst der heute 42-Jährige die Diagnose ohne Umschweife zusammen. Der Arzt habe ihm von Anfang an gesagt, dass er allein mit Medikamenten nicht schmerzfrei werde leben können. «Er hat mir und meinen Eltern deshalb zu Cannabis geraten.»
Seine Eltern reagieren zunächst zögerlich, besorgen ihm dann aber Cannabis auf dem Schwarzmarkt. Der Teenager raucht die Blüten in einer Pfeife, und tatsächlich: Die Schmerzen lassen nach. Als kurz darauf Hanfläden wie Pilze aus dem Boden schiessen, wird der Cannabisbezug einfacher. Doch die Freude währt nur kurz: In den frühen 2000er-Jahren werden die Läden schweizweit geschlossen. «Ein Freund hat in dieser Zeit mit dem Eigenanbau begonnen, und irgendwann habe ich auch selbst Hanf angepflanzt», erzählt Christian. Es habe lang gedauert, bis er gewusst habe, wie der Konsum am besten gegen seine Schmerzen hilft. «Entweder habe ich das Hanf in Form eines Cannabis-Honig-Öls in einer Bong geraucht oder ich habe mir einen Vaporizer direkt unter die Nase gehalten.»
Lernen und Arbeiten unter Schmerzen
Die Schulzeit wird für ihn zur Qual. Einerseits will er als Jugendlicher nicht ständig benebelt sein, andererseits droht ihm wegen des Cannabis-Konsums der Rauswurf. Und so raucht er nur noch zuhause. «Während des Unterrichts habe ich die Schmerzen kaum ertragen», erinnert sich Christian. Trotzdem schafft er den Abschuss und beginnt danach eine Ausbildung als Applikationsentwickler. Auch diese schliesst er erfolgreich ab. Doch die darauffolgenden Jobs im Hochsicherheitsbereich zweier Firmen werden für den damals 20-Jährigen zu einer Herausforderung. «Es war mit den Schmerzen fast unmöglich, mich den ganzen Tag lang auf die Arbeit zu konzentrieren.» Ab und zu habe er heimlich einen Joint geraucht, aber das habe nicht gereicht. Sein Zustand verschlechtert sich.
2009 kommt Christian in die geschlossene Psychiatrie, wo er 13 Jahre lang bleiben wird. «Die schlimmste Zeit meines Lebens», resümiert er. Statt Cannabis bekommt er Cortison, um das Tumorwachstum zu bekämpfen. «Das hat die Schmerzen aber nicht gelindert, im Gegenteil.» Auch die Neuroleptika, die er später einnimmt, helfen nicht. «Ich habe deshalb irgendwann mein eigenes Gras in die Psychiatrie geschmuggelt», gesteht er. Doch es dauert nicht lange, bis er auf frischer Tat ertappt wird. «Als sie mir das Gras wegnehmen wollten, bin ich ausgerastet. Ich habe geschrien, dass sie mir Schmerzen zufügen, wenn sie das machen.» Sein Widerstand zeigt Wirkung: 2020, zwei Jahre vor seinem Austritt, bekommt er Cannabis verschrieben. Ganz legal.
Krankenkasse macht einen Rückzieher
Bis heute ist Cannabis sein wichtigster Begleiter. «Morgens beim Aufwachen tut mir noch nichts weh, doch es dauert nur ein paar Minuten, bis die Kopfschmerzen einsetzen.» Für ihn gebe es keine Alternative zu Cannabis. Doch obwohl medizinische Cannabisblüten seit 2022 als Schmerzmittel anerkannt seien und sein Arzt sie ihm verschreibe, weigert sich seine Krankenkasse, die Kosten zu übernehmen. «Am Anfang haben sie noch gezahlt, denn sie anerkennen die Tatsache, dass das Inhalieren von Cannabisblüten meine Symptome lindert.» Das hat er Schwarz auf Weiss. Doch vor ein paar Monaten hat die KPT die Zahlungen eingestellt. «Ihre Begründung ist vor allem die angeblich dürftige Studienlage. Dabei sprechen die Studien eine klare Sprache.» Was er hingegen bewilligt bekommt, obwohl es in seinem Fall kaum nützt: teure Cannabis-Tinktur zum Trinken. «Ich bestelle jetzt Unmengen davon, weil es das Einzige ist, was bezahlt wird», sagt Christian und schüttelt den Kopf. «Eigentlich völlig absurd.»
Als Privatzahler kann sich der IV-Bezüger medizinisches Cannabis nicht mehr leisten. Deshalb deckt er sich wie früher auf dem Schwarzmarkt ein. «Es ist schlimm, dass ich dazu gezwungen bin, die Cannabisblüten illegal zu beziehen. Und das, obwohl die Krankenkasse ja um die positive Wirkung der Blüten auf meine Schmerzen weiss.» Wegen dieser Absurdität spielen sich immer wieder bizarre Szenen ab. So kam kürzlich nach einem Haushaltsunfall statt des Krankenwagens die Polizei. Und nahm kurzerhand seine Cannabis-Vorräte mit. «Auf meinen Einwand hin, ich bräuchte es dringend gegen meine Schmerzen, sagten sie mir, ich solle mir halt neues auf dem Schwarzmarkt kaufen.» Die Situation ist für Christian so nicht mehr tragbar. Dass er auf die Unterstützung von MEDCAN zählen darf, macht ihm Mut. «Ich hoffe, dass dieses Trauerspiel bald ein Ende hat.»