Emanuele
«Mit medizinischem Cannabis war ich stabil – wieder derjenige, den mein Mann kennengelernt hat.»
Zurück ins Leben
Emanuele weiss, wie es ist, wenn das Leben aus der Bahn gerät. Lange nimmt er Kokain. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Dass ihm dieser Ausstieg gelungen ist, hat auch mit Cannabis zu tun.
Als er vor rund zehn Jahren ein Burnout erleidet, arbeitet der Tessiner als Servicemitarbeiter in Zürich. Sein langjähriger Lebenspartner, mit dem er inzwischen verheiratet ist, steht ihm zur Seite. Doch es wird schlimmer.
Auf einen Suizidversuch folgen Depressionen. 2019 erhält Emanuele die Diagnose multiple Persönlichkeitsstörung. Er bekommt psychiatrische Medikamente. Doch sie helfen nur wenig. «Es war ein Up and Down», beschreibt der heute 40-Jährige diese Zeit. Er raucht Cannabis, um besser schlafen zu können und seinen Appetit anzuregen. Doch die Stimmungsschwankungen bleiben: Mal ist er nervös, mal aggressiv.
Ein neues Leben im Tessin
2023 zieht das Paar ins Tessin. Im Bleniotal hoffen die beiden auf Ruhe, auf einen Neuanfang. Doch bald schon kommt der nächste Schlag: Eine Nachbarin zeigt die beiden wegen angeblichen Cannabis-Handels an. Es kommt zu einer Hausdurchsuchung. Emanuele und Gennaro händigen der Polizei ihr Cannabis aus. Bis heute stottern sie eine hohe Geldstrafe ab: insgesamt 900 Franken pro Person, in Raten von je 50 Franken. «Noch heute haben wir jedes Mal Angst, wenn es an der Tür klingelt», sagt Emanuele.
Dann die vermeintliche Rettung: Im Juni 2025 erhält Emanuele eine Kostengutsprache für medizinisches Cannabis. Damit bringt er seine Persönlichkeitsstörung unter Kontrolle. «Endlich war ich stabil – wieder derjenige, den mein Mann kennengelernt hat», sagt Emanuele. Er kann seine bisherigen Medikamente auf ein Minimum reduzieren, die unerwünschten Nebenwirkungen verschwinden. Das Leben fühlt sich wieder nach Leben an.
Schlag in die Magengrube
Doch im Dezember kommt dieses Leben zu einem abrupten Ende: Die Krankenkasse stellt die Zahlungen für das Cannabis aus der Apotheke ein – für Emanuele ein Schlag in die Magengrube. Seine Stabilität bricht weg, es kommt zur Krise. Sein Psychiater überweist ihn in eine Klinik, doch Emanuele weigert sich. Er möchte seinen Mann nicht alleine lassen, denn auch dieser ist krank und auf Unterstützung angewiesen.
Er versucht es wieder mit den altherkömmlichen Medikamenten. Wellbutrin, Brintallix, Truxal. Doch die Depressionen bleiben, seine Stimmung wechselt bis zu 20 Mal am Tag. Aggression, Unruhe, innere Spannung – alles kommt zurück. Auch die medikamentösen Nebenwirkungen sind schwer auszuhalten: Müdigkeit, Lustlosigkeit, ein Leben wie hinter Glas. «Keine Schmerzen, aber auch kein Leben.»
Sein Arzt schickt der Krankenkasse einen ausführlichen Bericht, doch deren Antwort bleibt immer gleich: Cannabis stehe nicht auf der Liste der anerkannten Medikamente, die Wirkung sei nicht nachgewiesen.
Zwischen Angst und Hoffnung
Ab und zu kratzt Emanuele sein letztes Geld zusammen, um zumindest ein paar Gramm medizinisches Cannabis zu kaufen. Mehr liegt finanziell nicht drin. Er und sein Mann leben von einer kleinen Rente.
Im Tessin sei das Thema besonders schwierig, sagt Emanuele. Medizinisches Cannabis sei für viele Neuland – und Cannabis an sich ein extremes Tabu. Es werde schnell mit «schlechten Menschen» verbunden. Von Apotheken oder Gemeinden fühlt er sich kaum unterstützt. Trotzdem gibt er nicht auf. Gemeinsam mit seinem Mann engagiert er sich dafür, dass Geschichten wie die ihren erzählt werden: Das Paar hat zusammen CanMed Ticino gegründet. Medien zeigen Interesse, Pro Infirmis ebenfalls. Von anderen Patientinnen und Patienten spüren sie viel Resonanz – aber auch Angst. Angst, als Junkies abgestempelt zu werden.
Gerade deshalb will Emanuele sichtbar sein. Weil seine Geschichte zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn ein wirksames Medikament plötzlich nicht mehr zugänglich ist.