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Gennaro

Jahrgang: 1981
Diagnose: Periphere Neuropathie
«Mein Hirn funktioniert gut, aber mein Körper macht, was er will.»
«Es war wie ein Domino: Ich schlief wieder, hatte Appetit, nahm zu und wurde glücklicher.»
Gennaro
Patientengeschichten

Zwischen Schmerz und neuer Hoffnung

Gennaro war immer in Bewegung. Lange diente er beim Militär, bei der italienischen Marine. Sein Körper funktionierte, seine Energie schien unerschöpflich. Später arbeitete er in Zürich als Küchenchef. Auch dort musste es schnell gehen, präzise, konzentriert. «Ich war immer auf Zack», sagt der heute 44-Jährige. 

2020 wird bei ihm ADHS diagnostiziert. Für ihn erklärt das vieles, aber es bremst ihn nicht. Im Gegenteil: Gennaro arbeitet, lebt intensiv, liebt es zu singen. 2015 steht er sogar bei «Die grössten Schweizer Talente» auf der Bühne. Dann kippt alles.

Nach den Covid-Impfungen reagiert sein Körper heftig. Er bekommt Fieber, verliert rund 40 Prozent seines Hörvermögens, leidet plötzlich an Inkontinenz und neurologischen Störungen. Auch mit Fatigue und chronischen Schmerzen hat er zu kämpfen. Ob die Impfung die Ursache ist, weiss bis heute niemand. Sicher ist nur: Von da an ist nichts mehr wie vorher.

Gennaro sucht Hilfe. Ärzte diagnostizieren den Hörverlust und die Inkontinenz, doch eine Erklärung für das Gesamtbild finden sie nicht. Heute trägt er ein Hörgerät. Gegen die Inkontinenz wird ihm ein Neuromodulator implantiert. Später zieht er mit seinem Mann ins Tessin, doch auch in Lugano sind die Ärzte ratlos.

Keine Kontrolle über den Körper 

Taubheitsgefühle und Brennen in Armen und Beinen, Kontrollverlust, plötzliches Zittern: Gennaros Körper macht, was er will. Manchmal fallen ihm Dinge aus den Händen. Eine Kartoffel zu schälen, ist schier unmöglich. Er will nach einem Glas greifen, doch der Arm macht nicht mit. Er möchte eine Treppe hochsteigen, doch die Beine blockieren. Seit einem Jahr ist er auf Gehstock oder Rollator angewiesen, der Antrag für einen Treppenlift läuft. Autofahren kann er bereits seit zwei Jahren nicht mehr.

Vor drei Monaten bringt eine Hautbiopsie endlich einen Befund: periphere Neuropathie, eine seltene Erkrankung der Nerven. Eine Grunderkrankung wie Diabetes oder eine Autoimmunerkrankung wird nicht gefunden. «Mich hat’s einfach zufällig erwischt», sagt Gennaro. Im Juni soll eine genetische Untersuchung folgen. Der 44-Jährige will verstehen, warum sein Körper so reagiert. In seiner Familie gebe es neurologische Erkrankungen, sagt er, aber nichts Vergleichbares.

Medikamente helfen nur marginal

Gennaro probiert zahllose Medikamente aus. Schmerzmittel, Opioide. Doch die starken Schmerzen bleiben. Gleichzeitig sind die Nebenwirkungen massiv: Er wird schläfrig, verliert den Appetit, isst kaum noch. Statt ins Leben zurückzufinden, fühlt er sich immer weiter davon entfernt.

Endlich findet er im Tessin einen Arzt, der ihm medizinisches Cannabis verschreibt. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten. Gennaro erhält Cannabisblüten, rund 100 Gramm pro Monat, also etwa drei Gramm pro Tag. Für ihn verändert sich alles. «Es war wie ein Domino: Ich schlief wieder, hatte Appetit, nahm zu und war wieder glücklich.» Vor allem aber sind die Schmerzen endlich erträglich. «Mein Leben hat sich wieder lebenswert angefühlt.» Das Cannabis heilt seine Krankheit nicht, aber es gibt ihm Stabilität.

Krankenkasse stoppt die Zahlungen

Ende 2025 hört die Krankenkasse plötzlich auf zu zahlen. Ohne nachvollziehbare Erklärung, wie Gennaro sagt. Ein Schock. Denn das medizinische Cannabis aus eigener Tasche zu bezahlen, liegt finanziell kaum drin – Gennaro lebt mit seinem Mann von einer kleinen Rente. Eine Zeit lang leiht er sich Geld, kauft kleine Mengen in der Apotheke. Doch irgendwann geht es nicht mehr. «Basta», sagt er. «Ich wollte keine Schulden machen.» 

Seither bleibt ihm nur noch der Schwarzmarkt. Doch die Wirkung sei nicht dieselbe wie bei den medizinischen Blüten aus der Apotheke. Schlaf und Appetit würden zwar etwas besser, aber die Schmerzen blieben.

Im April 2026 wird die Situation noch belastender: Die Apotheke fordert rund 3500 Franken zurück. Gennaro schaltet einen Anwalt ein. Dieser kümmert sich auch um die Frage der Kostenübernahme. Der Fall liegt inzwischen vor dem Versicherungsgericht.

Gennaro versteht die Welt nicht mehr. Überall höre man ähnliche Geschichten, sagt er: Krankenkassen übernehmen die Kosten zuerst und stoppen die Zahlungen dann plötzlich, oft ohne klare Begründung. 

Als Junkie abgestempelt

Neben den körperlichen Beschwerden wiegt für Gennaro auch die Stigmatisierung schwer. Im Tessin sei medizinisches Cannabis noch viel stärker tabuisiert als in der Deutschschweiz. Wer Cannabis konsumiere, werde hier schnell als Junkie abgestempelt. «Ich lebe in der Schweiz, aber manchmal fühlt es sich richtig hinterwäldlerisch an.» 

Über MEDCAN findet Gennaro Unterstützung. Aus dieser Begegnung entsteht etwas Neues: Gemeinsam mit seinem Mann gründet er im März 2026 CanMed Ticino. Der Verein will Betroffene im Tessin sichtbar machen, ihre Geschichten erzählen und Mut schenken. «Ich bin nicht allein», sagt Gennaro. «Und ich will, dass andere das auch spüren.»