Zum Hauptinhalt springen

Mario

Jahrgang: 1967
Diagnose: Chronische Schmerzen, Neuropathie, starker Tinnitus und Depressionen
«Alle haben eigentlich nur noch darauf gewartet, dass ich sterbe.»
«Blüten sind für mich das Beste.»
Mario
Patientengeschichten

Zwei Kilometer Freiheit

Seit einer Gesetzesänderung werden Cannabisblüten in Deutschland nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Für Mario Dannemann bedeutet das: Seine gut eingestellte Schmerztherapie steht plötzlich vor dem Aus.

Schon als Kind erlebt Mario Missbrauch. Lange verdrängt er das Erlebte, ertränkt die Erinnerungen in Alkohol. Erst mit etwa 30 Jahren wird ihm bewusst, was in seiner Kindheit vorgefallen ist. Es folgen schwere, immer wiederkehrende Depressionen. «Ich hatte schon morgens Tränen in den Augen und Suizidgedanken, ohne dass ich wusste, warum.»

Mario beginnt, sich Hilfe zu suchen – es soll eine jahrelange Odyssee werden. Er macht mehrere Rehabilitationsaufenthalte, probiert verschiedene Therapien aus, erhält Antidepressiva, Neuroleptika und Schlafmittel. Doch nichts bringt die erhoffte Stabilität. Seinen Beruf als Systemtechniker muss er an den Nagel hängen.

Freunde warten auf seinen Tod

Vor rund sechs Jahren verschärft sich seine Situation. Mario entwickelt massive Rückenbeschwerden. Innerhalb von drei Jahren werden die Schmerzen so stark, dass er kaum noch 200 Meter weit laufen kann. «Ich konnte nicht einmal mehr einkaufen gehen.»

In einer Schmerzklinik erhält er Opiate sowie weitere Medikamente gegen Depressionen und Schlafstörungen. Gleichzeitig leidet er unter Nervenschäden sowie Taubheit in Händen und Füssen. «Zu allem Elend gesellte sich auch noch ein Tinnitus dazu», sagt der heute 59-Jährige. Marios Lebensqualität sinkt immer weiter.

Besonders belastend sind für ihn die Nebenwirkungen des Medikamentencocktails. «Ich habe bis zu 18 Stunden geschlafen und bin wie eine Leiche umhergewandelt.» Sein Gewicht sinkt auf 45 Kilogramm. «Alle haben eigentlich nur noch darauf gewartet, dass ich sterbe.»

Cannabis statt Medikamentencocktail

Vor rund eineinhalb Jahren wird Mario schliesslich am Rücken operiert. Während der darauffolgenden Behandlung in der Schmerzklinik bittet er darum, von den Opiaten auf medizinisches Cannabis umgestellt zu werden.

Gemeinsam mit dem Arzt reduziert er die bisherigen Medikamente. Zunächst versucht Mario es mit einem Cannabisextrakt. Doch sein Magen verträgt weder öl- noch alkoholhaltige Lösungen. Er wechselt zu Cannabisblüten.

Ein Wendepunkt. Dank der Blüten benötigt er keine zusätzlichen Schmerzmedikamente mehr. Ganz verschwunden sind seine Beschwerden zwar nicht. «Aber wo früher schon nach 200 Metern Schluss war, kann ich heute wieder bis zu zwei Kilometer weit laufen.» Dass er inzwischen pensioniert ist, hilft: Wenn die Kräfte nachlassen, kann er sich hinlegen und erholen.

Die Cannabisblüten-Therapie ist für ihn optimal. «Im Gegensatz zu den Medikamenten muss ich die Dosis nie erhöhen.» Zwar gebe es auch bei Cannabis einen Gewöhnungseffekt, aber es reiche, ab und zu die Sorte zu wechseln. Für ihn ist klar: «Blüten sind für mich das Beste.»     

Plötzlich keine Kostenübernahme mehr

Doch genau diese funktionierende Therapie steht nun vor dem Aus. Seit dem 30. Juli 2026 gehören Cannabisblüten in Deutschland nicht mehr zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Das gilt auch für Patientinnen und Patienten, deren Behandlung zuvor bereits bewilligt war. «Am 29. Juli ging meine letzte Verordnung raus. Jetzt kriege ich keine Blüten mehr.»

Er kann sich zwar selbst medizinische Blüten kaufen, doch 500 Euro pro Monat liegen bei seiner kleinen Rente nicht drin. Cannabisextrakte würden möglicherweise von der Krankenkasse bezahlt, doch genau die verträgt er ja nicht. «Aber was habe ich für eine Wahl? Wenn ich nicht aus eigener Tasche zahlen will, muss ich es nochmals mit den Extrakten versuchen. Das Absurde ist: Die Extrakte kosten die Kassen das Dreifache.»

Die Hoffnung bleibt

Demnächst hat Mario einen Termin bei seinem Hausarzt. Mit ihm zusammen will er einen Antrag für die neue Cannabistherapie stellen. Von der Schmerzklinik hat er ein Schreiben erhalten, das seine Leiden und den Erfolg der bisherigen Therapie bestätigen. Ob die Krankenkasse die neue Behandlung übernimmt, ist trotzdem ungewiss. «Es ist ein Glücksspiel.»

Bis sein Antrag eingereicht und geprüft ist hofft er, dass ihm Freunde aus der Patsche helfen und ihn mit selbstangebautem Cannabis versorgen. Der Eigenanbau ist in Deutschland legal – allerdings nur in begrenztem Umfang. «Mit meinen 60 Gramm pro Monat überschreite ich die erlaubte Grenze bereits.» Er will aber keinesfalls in die Illegalität rutschen.

Die Unsicherheit belastet ihn besonders, weil der Weg zur Cannabistherapie ohnehin schon beschwerlich war. «Ich habe drei Jahre gebraucht, um überhaupt einen Arzt zu finden, der mir Cannabis verschreibt.» Erst in der Schmerzklinik vor rund zweieinhalb Jahren sei ihm wirklich geholfen worden. «Man wird damit alleine gelassen», sagt er. Viele Ärztinnen und Ärzte hätten seiner Erfahrung nach zu wenig Wissen über medizinisches Cannabis oder Angst vor finanziellen Regressforderungen.

Vom Patienten zum Aktivisten

Für Mario ist das Ganze längst nicht mehr nur ein persönliches Problem. Vor zwei Jahren hat er sich zum Cannabisberater zertifizieren lassen. Heute engagiert er sich als Aktivist und Vorsitzender des Patientenvereins CapaC für andere Betroffene. Der Verein arbeitet an einem Bündnispapier, das von Patientinnen und Patienten sowie unterstützenden Verbänden unterschrieben werden soll. «Wir wollen uns wissenschaftlich von Ärzten und Apothekern begleiten lassen.»

Ziel ist es, auf die Situation von Cannabispatientinnen und -patienten aufmerksam zu machen und gegebenenfalls auch Musterklagen vorzubereiten. Mario ärgert vor allem, dass sich für Betroffene häufig niemand zuständig fühlt. «Jeder redet sich raus», stellt er fest. Aufgeben will er trotzdem nicht, im Gegenteil: Der Kämpfer in ihm ist längst erwacht.

Hier kannst auch du das Bündnispapier unterschreiben.