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Mary

Jahrgang: 1988
Diagnose: Chronische Rückenschmerzen
«Ohne Cannabis kommen die Schmerzen, das Gedankenkarussell und die Appetitlosigkeit zurück.»
«Cannabis macht mich nicht arbeitsunfähig. Es macht Arbeiten erst möglich.»
Mary
Patientengeschichten

Arbeiten gegen das Stigma

An Neujahr 2012 will Mary mit Freunden auf dem Uetliberg schlitteln. Es soll ein unbeschwerter Start ins Jahr werden. Doch dann passiert es: Sie rutscht auf dem Eis aus und schlägt flach auf dem Rücken auf. «Ich bekam keine Luft mehr», erinnert sich die heute 37-Jährige.

Zum Arzt geht sie nicht. Sie will niemandem den Jahresbeginn verderben, auch sich selbst nicht. Erst als die Schmerzen nach einer Woche noch immer nicht verschwunden sind, sucht sie medizinische Hilfe. Zunächst lautet der Verdacht: Bandscheibenvorfall. Sie erhält eine Cortisonspritze, später wird sie operiert. Doch die Schmerzen bleiben.

Es folgt der nächste Schlag: Bei einem Unfall mit einem Postauto landet Mary in einem Graben. Wieder trifft es den Rücken. Danach kann sie nicht mehr auf Zehenspitzen und Fersen stehen. Auch Inkontinenz tritt auf. Ein Nerv ist in Mitleidenschaft gezogen worden.

Die Ärzte stellen sie vor eine schwere Wahl: eine Versteifung der Wirbelsäule oder das Risiko, im Rollstuhl zu landen. Sie entscheidet sich für die Operation. Doch besser wird es nicht. Auch acht Wochen später hat sie starke Schmerzen. Erst Jahre danach erfährt sie in einer Zürcher Klinik, dass beim Eingriff offenbar etwas schiefgelaufen ist. «Bei mir liegt Dornfortsatz auf Dornfortsatz, es ist nichts mehr dazwischen – ausser Schrauben.»

Zu diesem Zeitpunkt ist Mary längst chronische Schmerzpatientin.

Eine Horrorzeit mit Opiaten

Um die Schmerzen auszuhalten, bekommt sie starke Medikamente: Oxycodon, bei besonders heftigen Schmerzen auch Fentanyl. Die Mittel dämpfen den Schmerz, doch der Preis ist hoch: Sie leidet unter Übelkeit, hat Kopfschmerzen, fühlt sich emotional abgestumpft. «Ich war wie ein Roboter», sagt sie. Auch gereizt sei sie gewesen, nicht mehr sie selbst. «Es ist ein Wunder, dass mein Schatz noch bei mir ist.»

Nach der Gesetzesänderung von 2022, durch die Cannabisarzneimittel in der Schweiz ohne Ausnahmebewilligung des Bundesamts für Gesundheit verschrieben werden können, erhält ihr Partner Dronabinol. Er selbst leidet an ADHS und chronischen Schmerzen, die Krankenkasse übernimmt die Kosten.

Mary hat ebenfalls ein ärztliches Rezept für medizinisches Cannabis, stellt aber bei der Krankenkasse keinen Antrag. Sie steckt damals in einer unsicheren Lebensphase, pendelt zwischen Sozialamt und Arbeit und will sich nicht noch eine zusätzliche Baustelle aufladen. Doch mit dem Dronabinol ihres Freundes beginnt sie, Cannabis gezielt medizinisch zu nutzen. Im Mai 2022 setzt sie die Opiate ab.

Vom medizinischen Cannabis zum selbst hergestellten Öl

Cannabis ist für Mary kein Neuland. Sie raucht seit ihrem 18. Lebensjahr Joints. Schon damals spürt sie, dass Cannabis bei ihr mehr bewirkt als einen Rausch: Es nimmt ihr den Druck, beruhigt ihre Gedanken und bringt den Appetit zurück. «Es hat mir Lebensqualität geschenkt.»

Drei Jahre lang profitiert sie von den Dronabinol-Kapseln ihres Freundes. Doch dann stellt die Krankenkasse die Zahlung von einem Tag auf den anderen ein. «Warum, wissen wir nicht.» Die Kosten selbst zu tragen, ist für das Paar unmöglich. «Medizinisches Cannabis aus der Apotheke ist qualitativ besser und sicherer», sagt Mary. «Aber der Zugang bleibt für uns aus finanziellen Gründen verwehrt.» 

Die beiden beginnen, RSO-Öl herzustellen, einen hochkonzentrierten Cannabis-Extrakt – doch auch das geht ins Geld. «Zum Glück reichen mir ein bis zwei Tropfen, um durch den Tag zu kommen», sagt Mary. Zusätzlich raucht sie knapp ein Dutzend Joints. «Ohne kann man mich rauchen», sagt sie und lacht. 

Mit Cannabis dagegen funktioniere sie «wie ein normaler Mensch». Ohne Schmerzen, ohne negative Gedanken. Das sei für sie wichtig, denn sie will arbeiten, unabhängig sein, ihren Beitrag leisten. Und nicht auf ihre Diagnose reduziert werden. 

Schweigen im Team

Seit rund einem Jahr arbeitet Mary als Pflegehelferin SRK in einem Alterszentrum. Trotz Cannabiskonsums hat sie den Kurs als Klassenbeste abgeschlossen. «Ich bin nicht auf den Kopf gefallen», sagt sie. Im Gegenteil: Sie ist wissbegierig und möchte sich bald zur Aktivierungsfachfrau weiterbilden lassen. «Meine Reise ist noch lange nicht zu Ende.»

An ihrem Arbeitsplatz bleibt Cannabis trotzdem ein Tabuthema. Sie traut sich nicht, offen darüber zu sprechen. Zu gross ist die Angst, abgestempelt zu werden: als Junkie, als Faulenzerin, als jemand, der nicht belastbar ist. «Man wird sofort verurteilt», sagt sie. Schon wenn sie leicht nach Cannabis rieche, würden manche die Nase rümpfen. Das erschreckt sie. Denn sie weiss, wie schnell ein Vorurteil alles überschatten kann. 

Licht am Ende des Tunnels

Mary kennt das Gefühl, dass alles um einen herum dunkel wird. Chronische Schmerzen, starke Medikamente, finanzielle Unsicherheit, Scham und gesellschaftliche Vorurteile – all das hat sie erlebt. Trotzdem hat sie sich zurück ins Leben gekämpft. 

Anderen Betroffenen möchte sie Mut machen. «Es gibt Licht am Ende des Tunnels, auch wenn man es manchmal nicht sieht.» Für Mary ist MEDCAN ein solcher Ort der Hoffnung: ein Verein, der zuhört, informiert und betroffene Menschen sichtbar macht.