Mich
«Ich wollte ein liebevoller Mann und Vater sein.»
Zurück ins Leben dank Cannabis
Nach einem brutalen Übergriff verliert Mich sein rechtes Auge. Was bleibt, ist weit mehr als eine körperliche Verletzung: Druck im Kopf, Tinnitus, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Depressionen und eine emotionale Instabilität, die auch seine Familie an ihre Grenzen bringt. Erst medizinisches Cannabis verändert für ihn den Alltag grundlegend.
Der Abend, der alles veränderte
Am 7. April 2012 gerät Michs Leben aus der Bahn. Es ist sein 26. Geburtstag. «Ich wollte mit meiner Frau, Freunden und Verwandten in einem kleinen Pub südlich von Johannesburg feiern», erzählt der gebürtige Südafrikaner. Dann taucht eine Gruppe Männer auf, die bei ihnen sofort Unbehagen auslöst. «Wir wollten nur noch rasch weg. Danach erinnere ich mich an nichts mehr.»
Als Mich wieder zu sich kommt, sieht er auf dem rechten Auge nichts mehr. Im Spital wird er notfallmässig operiert. Er hat eine Gehirnblutung, Teile seines Gesichts müssen rekonstruiert werden. Das Auge ist nicht mehr zu retten.
Teufelskreis aus Schmerz und Alkohol
Es ist der Beginn einer langen Leidensgeschichte. Michs Kopf steht ständig unter Druck, er kann sich kaum konzentrieren und kämpft mit heftigen Stimmungsschwankungen. «Das Schlimmste war meine emotionale Instabilität», sagt der heute 40-Jährige.
Auch seine Frau Zaldia erlebt, wie sehr ihn die Hirnverletzung verändert. Das Paar kennt sich seit dem Studium. Mich sei immer ein gutmütiger, liebevoller Mensch gewesen. «Aber nach der Gehirnblutung war er nicht mehr der Mann, den ich geheiratet hatte», sagt sie. «Ich musste dauernd aufpassen, ihn nicht in Rage zu bringen. Nur war das kaum möglich.»
Mich beginnt zu trinken, um Depressionen, Schlafprobleme und Tinnitus zu betäuben. Es wird immer schlimmer.
«Wir liefen auf die Scheidung zu»
2014 zieht das Paar aus Südafrika in die Schweiz. Mich arbeitet in der Stahlindustrie. Seine Firma entsendet ihn zu einer Partnerfirma nach Zug. Beruflich reist er viel, der Druck ist hoch. Um funktionieren zu können, nimmt er täglich Medikamente und Alkohol zu sich. «Es war ein Eiertanz. Ich war dauernd an der Kippe.»
2018 kommt der gemeinsame Sohn zur Welt, später folgen zwei Töchter. Mich wechselt in die Pharmabranche und sucht endlich psychiatrische Hilfe. Diagnostiziert werden unter anderem eine Bipolar-II-Störung, ADHS, eine posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen und eine Angststörung. Er erhält Medikamente, doch die Nebenwirkungen sind belastend. Es folgen neue Präparate.
Am Ende nimmt er grosse Mengen an Schmerzmitteln, Hypnotika und Opioiden. Sie helfen kaum, der Entzug ist quälend. Für Zaldia wird diese Zeit ebenfalls unerträglich. «Wir haben einfach irgendwie überlebt», sagt sie. «Aber mir war klar: Wir laufen wir auf die Scheidung zu.»
Überwindung der eigenen Vorurteile
Mit Cannabis verbindet Mich lange nichts Positives. An der Highschool hatte er einmal mit Freunden gekifft und sich danach völlig benebelt gefühlt. «Nie wieder», schwor er sich damals. Als im Sommer 2023 eine Freundin seiner Mutter in Südafrika vorschlägt, es mit Cannabis-Tropfen zu versuchen, ist er deshalb skeptisch. Trotzdem beginnt er, abends ein bis zwei Cannabis-Tropfen einzunehmen – bloss nicht zu viel, er will auf keinen Fall high werden.
Doch der gewünschte Effekt bleibt aus. Knapp zwei Jahre später steigert er die Dosis massiv – ob er high wird oder nicht, ist ihm inzwischen egal. Er ist am absoluten Tiefpunkt angelangt. Als er überraschend merkt, dass es ihm mit den Cannabis-Tropfen deutlich besser geht, vertraut er sich seiner Frau an – bis dahin hat er die Tropfen vor ihr geheim gehalten. «Wir hatten beide Vorurteile gegen Cannabis», erklärt Zaldia. «Für uns war das ganz klar eine Droge.» Doch mit der Wirkung der Tropfen verändert sich ihr Blick. «Endlich habe ich meinen Mann wiedererkannt. Und wir brauchten Mich so dringend zurück.»
Zurück in der Schweiz, versucht Mich, ein ärztliches Rezept für medizinisches Cannabis zu bekommen. Doch der Arzt erklärt, sie seien unheilbar kranken Patientinnen und Patienten vorbehalten. Und so beginnt Mich, Cannabis in anderen Formen zu verwenden, um das für ihn bestmögliche Behandlungsschema zu finden. Konzentration und emotionale Kontrolle kehren zurück. «Ich konnte erstmals wieder ausdrücken, was ich fühle», sagt er. «Vorher war ich nicht mehr ich selbst.»
Anerkennung statt Stigma
Inzwischen bekommt Mich Cannabis ärztlich verschrieben. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht. Er könne sich das glücklicherweise leisten, sagt Mich, doch vielen anderen Patientinnen und Patienten gehe es anders.
Noch wichtiger als die finanzielle Frage ist ihm die gesellschaftliche Anerkennung. «Ich möchte als Cannabis-Patient ernst genommen werden.» Obwohl medizinisches Cannabis ihm aus seiner Sicht die beste Version seiner selbst zurückgegeben hat, ringt er weiter mit dem Stigma. «Ein Teil von mir sieht Cannabis noch immer als Droge. Aber ich lerne, diesen Gedanken loszulassen.»
Heute gehe es ihm gut, sagt Mich. Dank Cannabis hat er sämtliche Medikamente absetzen können. Er hat die ideale Dosierung für sich gefunden, ohne high zu werden. Die Verletzung und die Jahre nach dem Übergriff seien nicht ausgelöscht, aber sie bestimmten nicht mehr alles. «Nach der Hirnverletzung war mein Herz wie versteinert. Dank Cannabis kann ich das Leben wieder geniessen.» Zaldia drückt es so aus: «Ich weiss nicht genau, wie es wirkt. Ich weiss nur: Ich bin dankbar und glücklich.»