Stefano
«Dank Cannabis kann ich wieder durchschlafen.»
Nacht für Nacht kribbelten die Beine. Stefano musste aufstehen und umherlaufen, damit es aufhörte, doch kaum legte er sich hin, ging das Kribbeln wieder los. Der heute 40-Jährige fand kaum noch Schlaf. Als 2017 seine berufliche Tätigkeit als Bürokaufmann mit einem Burnout jäh zu Ende ging, machte ihm ein Arzt klar, was ihn über Jahre in die Erschöpfung getrieben hatte: das Restless-Legs-Syndrom. Die Medikamente, die üblicherweise dagegen verschrieben werden, zeigten keine Wirkung. Er galt als austherapiert.
Auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Kribbeln in den Beinen und den damit verbundenen quälenden Bewegungsdrang zu lindern, begann er zum zweiten Mal in seinem Leben über die Wirkung von Cannabis zu recherchieren. Bereits als Teenager hatte er gekifft und die Erfahrung gemacht, dass ihm die Pflanze gegen die Auswirkungen seines ADHS hilft: „Ich bin damit konzentrierter und weniger hyperaktiv.“ Deshalb hatte er schon Jahre zuvor versucht, eine Verordnung für medizinisches Cannabis zu bekommen – allerdings vergeblich. Seine Präparate bezog er auf dem Schwarzmarkt.
Langer Weg zur Kostengutsprache
Stefano hoffte, mit der Diagnose RLS nun doch ein offiziell zugelassenes medizinisches Cannabispräparat zu bekommen: Produkte aus der Apotheke sind standardisiert und die Wirkstoffe präzise deklariert. Je nach Indikation werden andere Produkte gewählt und entsprechend dosiert. „Obwohl es keine Studie gibt, die die Wirkung bei RLS eindeutig belegt, setzte ich grosse Hoffnungen in diese Medikamente“, erinnert er sich. Die Erleichterung war gross, als er beim Suchtfachzentrum ingrado in Lugano endlich eine Verordnung bekam, die ihm den Bezug von medizinischem Cannabis ermöglichte.
Die Wirkung sollte seinen Recherchen recht geben: Die Tinktur milderte seine Symptome merklich, Stefano konnte wieder schlafen. Obwohl er von der Krankenkasse zunächst keine Kostengutsprache bekam und er Monat für Monat 230 Franken aus der eigenen Tasche bezahlte, blieb er bei dieser Therapie. Erst seit 2020 werden ihm die Kosten erstattet – nachdem eine Aktigraphie zur Überwachung des Schlaf-Wach-Rhythmus die positive Wirkung auf den Schlaf belegt hat.
Wirksamere Produkte dank Gesetzesänderung
Der eigentliche Durchbruch kam 2022, als das Betäubungsmittelgesetz angepasst wurde. Fortan durften die Apotheken auch Blüten verkaufen, die Patientinnen und Patienten vaporisieren können. Da verschiedene Einnahmeformen verschiedene therapeutische Wirkungen haben, können Beschwerden nun zielgerichteter therapiert werden. Auch Stefano ist mittlerweile von der Tinktur auf das Vaporisieren von Blüten und die orale Einnahme über Gummibärchen umgestiegen.
Dank seinem Wissensdurst und seiner Hartnäckigkeit hat Stefano sich ein tragendes Netz aus wohlwollenden medizinischen Fachpersonen und Gleichgesinnten aufbauen können. Sein heutiger Hausarzt unterstützt die Cannabistherapie. Hilfreich findet er auch den Austausch mit anderen Mitgliedern des Vereins Medcan. Während seine Selbsttherapie mit Cannabis in seinem Umfeld – zumindest bis zur offiziellen Verordnung – zu Konflikten führte, fand er hier Gleichgesinnte, die ihm nicht nur mit Verständnis begegneten, sondern ihm auch nützliche Informationen geben konnten.
Ungewisse Zukunft
Auch wenn er nach wie vor arbeitsunfähig ist und IV-Rente beziehen muss, geht es ihm heute deutlich besser; so konnte er etwa sein Hobby, das Rollschuhfahren wieder aufnehmen, fühlt sich ausgeglichener und hat mehr Lebensfreude. Seine Arbeit vermisst er nach wie vor. Darüber, ob er je wieder ins Berufsleben einsteigen kann, wagt er keine Prognose.
Zu schaffen macht ihm auch die Ungewissheit darüber, ob seine Therapie dauerhaft bezahlt wird. Die Kostengutsprache muss alle fünf Jahre neu beantragt werden und geht mit umfangreichen Abklärungen einher. „Bei der Erneuerung letztes Jahr musste ich drei Monate warten“, erinnert sich Stefano. Diese Zeit überbrückte er notbehelfsmässig mit der Tinktur, von der er noch Reste zu Hause hatte – eine unbefriedigende Situation, die er nicht nochmals erleben möchte. Für ihn, der als austherapiert galt, ist Cannabis die einzige wirksame Medizin.
Ihm ist bewusst, dass eine Gutsprache nicht selbstverständlich ist und die meisten anderen Cannabis-Patientinnen und -Patienten solche Abklärungen durchlaufen, ohne am Ende Erfolg zu haben. Nur 11 Prozent werden gemäss Schätzungen des Bundesamtes für Gesundheit von der Krankenkasse finanziell unterstützt. Stefano rät allen, die Flinte nicht vorzeitig ins Korn zu werfen und hartnäckig zu bleiben.