Zum Hauptinhalt springen

Tobias

Jahrgang: 1992
Diagnose: Paranoide Schizophrenie
«Ich bin wieder lustig und kann auf Menschen zugehen.»
«Dank CBD kann ich auf Benzodiazepine verzichten.»
Tobias
Patientengeschichten

Seine erste Psychose erlitt Tobias in den Ferien kurz nach Lehrbeginn. Er befand sich in England, als ihn plötzlich das Gefühl beschlich, jemand wolle ihn vergiften. Jeden Tag wuchs der Argwohn: Wer könnte zu «denen» gehören und wie würden «sie» es bewerkstelligen? Als er in die Schweiz zurückkehrte, traute er selbst seiner Familie nicht mehr. «Meine Eltern merkten schnell, dass etwas nicht stimmte, und brachten mich zum Hausarzt», erinnert er sich.

Als er kurz darauf in die Psychiatrie eingewiesen wurde, konfrontierte man ihn mit der Diagnose «paranoide Schizophrenie – vermutlich cannabisinduziert». Tobias hatte in seiner Jugend gekifft: selbstangebauten Cannabis, dessen Wirkung er als wohltuend empfand. Bei der psychologischen Abklärung im Rahmen der Aushebung hatte man ihn gewarnt: «Wenn Sie so weitermachen, kriegen Sie eine Psychose.» Dass das tatsächlich eintreffen würde, hatte er nicht erwartet. Und am allerwenigsten in England, wo er gar nicht konsumierte.

Kollegen erkannten ihn nicht wieder

Kurz nachdem er in der Klinik sein Medikament bekam, hörten die Wahnvorstellungen auf und die Krankheitseinsicht setzte ein. Obwohl es ihm nun deutlich besser ging, war er nicht mehr der Gleiche. Das Medikament hatte seine Persönlichkeit verändert: Seine Kollegen erkannten den in sich gekehrten, ernsten jungen Mann kaum wieder. «Sie sagten, ich so ruhig und nie mehr lustig», erzählt Tobias.

Der junge Mann beschloss, das Antipsychotikum eigenständig abzusetzen, während er immer noch Cannabis konsumierte. Der nächste Schub liess nicht lange auf sich warten. Entmutigt unterwarf er sich dem ursprünglichen Plan des behandelnden Ärzteteams, gab das Kiffen auf und nahm wieder Risperidon. Doch es ging ihm nicht gut damit. Er nahm stark zu und war ständig ängstlich, ein Zustand, der weitere Schübe hätte triggern können. Um das zu vermeiden, verschrieb man ihm Benzodiazepine gegen die Angst.

Trotz all dieser Massnahmen kam es kurz nach der Lehre zu einem erneuten Schub. Die Dosis des Antipsychotikums wurde erhöht, immer öfter griff Tobias zusätzlich zu den Beruhigungsmitteln: «Nichts nützte, ich hatte weitere Schübe, und darüber hinaus musste ich einen Entzug von den Benzodiazepinen machen.»

Aufbegehren und Neubeginn

Doch dann kam die Wende. 2023 verstritt er sich mit seiner Mitbewohnerin. Und obwohl er zu diesem Zeitpunkt symptomfrei war, wollte sie ihn in die Klinik schicken. «Da entschied ich zum ersten Mal seit Krankheitsbeginn selbst: Ich lasse mich nicht mehr versorgen», sagt Tobias. Bestärkt hat ihn seine Liebe zur Reggae-Musik. Er begann, sich mit der Spiritualität der Rastafari zu identifizieren.

«Ich habe seit 15 Jahren nicht mehr gekifft, und CBD konsumierte ich mit schlechtem Gewissen», erinnert er sich. «Doch seit ich Cannabis als eine heilige Pflanze betrachte, habe ich kein schlechtes Gewissen mehr.» Die Ängste hätten unmittelbar aufgehört, vor weiteren Schüben sei er bisher verschont geblieben, er sei wieder selbstsicher und lustig und könne auf Menschen zugehen.

Während früher seine Angstkurve selbst mit den Beruhigungsmitteln alle paar Monate in die Höhe schnellte, dümpelt sie heute auf tiefem Level. Auf die Benzodiazepine verzichtet er komplett. Ein Antipsychotikum nimmt er weiterhin, allerdings ist er auf ein anderes Präparat mit weniger Nebenwirkungen umgestiegen.

Hilfe von Medcan

Heute wohnt er allein, arbeitet Vollzeit und pflegt seine Freundschaften. Weiterhin setzt der mittlerweile 33-Jährige auf CBD-lastige, THC-reduzierte Produkte. Nach einer Beratung durch den Verein Medcan verfügt er nun über eine ärztliche Verschreibung, die ihm ermöglicht, die Blüten in der Apotheke zu kaufen. Der Weg dahin war allerdings nicht ganz einfach: «Meine damalige Therapeutin durfte mir das Präparat nicht verschreiben, weil Cannabis bei Schizophrenie kontraindiziert ist», wie Tobias erklärt. Deshalb habe er einen Arzt aus der Liste des Vereins kontaktiert. Genau wie seine damalige Therapeutin, unterstütze auch sein aktueller Psychologe diesen Weg.

Tobias ist zuversichtlich: «Ich weiss zwar nicht, wie der Arzt das beurteilen würde, aber in meinem Empfinden bin ich geheilt.» Er gehe davon aus, dass er dank der optimal eingestellten Medikamente und seinem guten Allgemeinzustand nie mehr eine Psychose haben werde.