Vera
«Ich will in die Welt schreien, wie unglaublich wirksam Cannabis ist.»
Vera hat Multiple Sklerose und das hypermobile Ehlers-Danlos-Syndrom. Ihre gesundheitlichen Routinen und ihre Rolle als Mutter einer 15-Jährigen lassen kaum Spielraum für soziale Kontakte oder Hobbys. Doch seit einem halben Jahr ist ihr Alltag geprägt von einer Leidenschaft: der Herstellung von Ölen, Cremen und Tinkturen aus medizinischem Cannabis, mit denen sie die Symptome lindert. Oder in ihren eigenen Worten: «Es nervt mich schon selbst, aber mein einziges Thema zurzeit ist Weed.»
Das mag erstaunen, wenn man weiss, dass sie einst erklärte Cannabis-Gegnerin war. In ihrer Familie und im Freundeskreis habe es viele Kiffer gegeben – viele davon mit psychischen oder gesundheitlichen Problemen, erzählt Vera: «Ich schob das damals alles auf deren Cannabiskonsum.» Als ihr nach der MS-Diagnose einige Bekannte empfahlen, es einmal zu versuchen, lehnte sie entschieden ab.
Von niemandem ernstgenommen
Der Leidensweg der heute 42-Jährige begann bereits in der Kindheit. Sie hatte orthopädische Probleme wie Plattfüsse und Skoliose. Gelenkschmerzen gehörten zu ihrem Alltag. Mit neun Jahren kamen starke Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit dazu. Sie wurde regelmässig beim Kinderarzt vorstellig. Da die Beschwerden jeweils im Frühling und Herbst auftraten, dachte man zunächst, sie sei wetterfühlig – dass Kinder MS haben können, war damals nicht bekannt.
Die Symptome wurden schlimmer. Mit 15 Jahren litt sie an permanenter Müdigkeit und wurde oft ohnmächtig, man schob es auf den Blutdruck. Als sie das Gefühl hatte, es laufe Wasser über ihre Beine, dachte man, aufgrund pubertärer Wachstumsschübe sei ein Nerv eingeklemmt. «Als Frau mit Migrationshintergrund wurde ich nicht ernstgenommen», erinnert sie sich. «Man unterstellte mir psychische Probleme und Faulheit.»
Erst als sie während ihres Studiums zur Übersetzerin an Wortfindungsstörungen litt und sogar vorübergehend blind wurde, blieb sie hartnäckig genug, um eine gesicherte Diagnose zu erhalten: «Als die Neurologin sagte, dass all meine Symptome auf MS zurückzuführen sind, fühlte ich Schock und Erleichterung zugleich.»
Arzt riet zu Cannabis
Ihr Studium musste sie aufgeben. Die Gedanken kreisten um die Frage, welche weiteren Einschränkungen auf sie zukämen und ob sie schliesslich auch ihr geliebtes Tanzen würde aufgeben müssen: «Das zog mir den Boden unter den Füssen weg», erinnert sich Vera. In der Verzweiflung stand sie eines Abends am Balkon eines 11. Stockwerks und rief die 143 an. Zwar konnte die Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand sie von ihrer Suizidabsicht abbringen, doch die Depressionen hielten an. Fortan hielten Antidepressiva sie über Wasser, aber Freude am Leben fand sie nicht: «Ich lebte ein Leben auf Null. Es gab keine Tiefs, aber auch keine Hochs mehr, ich fühlte mich innerlich tot.»
Die Wende kam, kurz nachdem die Muskelschmerzen und Krämpfe begannen. Vera versuchte zunächst verschiedene schulmedizinische Behandlungen, die jedoch nicht halfen. Schliesslich riet der Arzt ihr, Cannabis zu probieren. Zum ersten Mal überwand sie sich und war überrascht: Die Schmerzen waren wie weggeblasen. Da sie wegen eines Medikamentenwechsels gerade kein Antidepressivum nahm, spürte sie auch die psychische Wirkung. Endlich konnte sie wieder Freude empfinden. Seither kann sich auf Antidepressiva verzichten.
Eine gute Mutter sein
Als Vera mit 27 Jahren ihre Tochter zur Welt brachte, verschlimmerten sich ihre Symptome rasant. Drei Jahre später war sie auf den Rollstuhl angewiesen, nach weiteren zwei Jahren musste sie ihre geliebte Arbeit als Rezeptionistin bei einem Fussballverband aufgeben und wurde zur Rentnerin. «Bis heute kann ich kein Fussball schauen, weil ich die Arbeit dort so schmerzlich vermisse», sagt sie.
Die Beziehung zu ihrer Tochter ist trotz aller Hindernisse eng: «Ich kann zwar nicht mit ihr rausgehen, aber ich bin ihr Anker, sie vertraut mir alles an.» Dass das Verhältnis so gut ist, schreibt Vera auch der Cannabistherapie zu. Unter Schmerzen sei sie dünnhäutig und gestresst, die entspannende Wirkung helfe ihr, eine gechillte Mutter zu sein.
Seit Februar erhält Vera Cannabisblüten aus der Apotheke. Das Rezept hat sie von einem Arzt erhalten, den sie über Medcan gefunden hat. Durch das Vaporisieren kann sie nun ihre Symptome gezielter beeinflussen – je nach Sorte fühlt sie sich konzentrierter, geselliger, kreativer oder abends entspannter. Das veränderte ihren Alltag spürbar: «Ich brauche weniger Unterstützung durch die Büro-Spitex und habe deutlich an Lebensqualität gewonnen.»
Zusätzlich nutzte sie ein medizinisches Cannabisöl, das sie nur oft abends vor dem Schlafen einnahm. Eines Tages, während eines besonders starken «MS-Hug» – eines schmerzhaften, krampfartigen Druckgefühls im Brustbereich – trug sie das Öl in ihrer Verzweiflung direkt auf die Haut auf. «Das war eine Offenbarung», sagt sie. «Die Schmerzen und die Spastik liessen sofort nach.»
«Das müssen alle wissen»
Daraufhin begann Vera, die Tropfen in ihre Körperlotion zu mischen und grossflächig auf die Haut aufzutragen. Sie merkte schnell, dass das Öl nicht nur gegen ihre Nervenschmerzen half, sondern auch gegen ihre chronischen Gelenksentzündungen an Handgelenken und Knien, die mit ihrer Hyperflexibilität zusammenhängen. Früher musste sie fast ständig Handschienen tragen, um das Handgelenk zu stabilisieren und die Finger gerade zu halten, weil sie sich sonst in die Handfläche verkrampften. Heute brauche sie das alles nicht mehr. Die Entzündungen sind zurückgegangen, kleine Wunden heilen schneller, die Schmerzen sind deutlich erträglicher. «Seither will ich in die Welt schreien, wie unglaublich wirksam diese Medizin ist. Das müssen doch alle erfahren», sagt sie.
Ein Problem blieb allerdings: «Das Öl aus der Apotheke ist zu teuer, um es grossflächig zu verwenden, und die standardisierte THC-/CBD-Formel lässt sich nicht auf mein jeweiliges Bedürfnis anpassen», erklärt Vera. Ohne Kostengutsprache der Krankenkasse seien Vollspektrumöle kaum erschwinglich. Von der Wirkung überzeugt, entschloss sie, sich einen Cannabis-Kocher zu kaufen und die Öle selbst herzustellen. «Auf diese Weise bekomme ich bessere Qualität für weniger Geld und kann genau so dosieren, wie ich es brauche.»
Forschen und Experimentieren
Ihre Freizeit verbringt sie mit Recherchieren, Forschen und Experimentieren. Sie weiss genau, welche Sorte sie morgens für Energie, nachmittags für soziale Aktivität und abends für Entspannung braucht. Je nach Bedarf inhaliert sie, nimmt Öle ein oder appliziert sie auf der Haut. Die beim Vaporisieren entstehenden Reste nutzt sie als Beigabe im Tee oder zum Würzen von Gerichten.
Ihre neugewonnene Energie möchte sie nutzen, um ihre Erkenntnisse anderen zur Verfügung zu stellen. «Wir Patientinnen und Patienten brauchen mehr Möglichkeiten, uns gegenseitig zu informieren», sagt sie. «Schliesslich sind nicht alle wie ich auf Online-Foren unterwegs.»